Schnell sein ist alles! Oder doch nicht?

Unsere Welt ist schnell, muss schnell sein.

Kennt ihr das auch, diese Situationen, in denen irgendwie zu viel in zu kurzer Zeit untergebracht werden muss? Dann muss alles richtig schnell gehen, mit dem Nachteil, dass die Schnelligkeit rasch in Hektik umschlägt und wir unter Stress geraten. Dann verpassen wir die wirklich wichtigen Dinge und werden unproduktiv. Denn im hektischen Stress bleiben wir nun mal nicht ruhig und besonnen, sondern greifen auf unsere, meist nicht besonders hilfreichen, Grundmuster zurück. Genervt treiben wir unsere Kinder an, sich endlich die Schuhe anzuziehen, schneller zu gehen oder überhaupt ENDLICH einmal weiterzugehen. Und trotzdem vergessen wir etwas Wichtiges zu Hause oder kommen mit hängender Zunge und Stein im Magen gehetzt bei unserem nächsten Termin an. Nicht selten mit einem unnötigen Konflikt mit unseren Kindern im Gepäck und einer guten Portion schlechtem Gewissen. Das kostet einfach nur viel Kraft. Uns selbst und unsere Kinder. Deshalb habe ich hier ein paar hilfreiche Strategien zusammengefasst, wie wir die Hektik ein Stückchen hinter uns lassen können. Doch zuerst nochmal zu unseren Kindern:

 

Wir geben die Schnelligkeit und ihren Wert auch an unsere Kinder weiter.

Jemand hat mal gesagt: „Die Art wie du mit deinem Kind sprichst, wird zu seiner inneren Stimme.“ Was uns schnell und dann hektisch werden lässt, ist also unsere innere Stimme, die wir in unserer Kindheit erworben haben. Sie treibt uns in allen möglichen Momenten an „ja schnell zu sein, denn sonst…“. Ja, was denn eigentlich sonst?! Die Konsequenzen können wir heute nicht mehr real festmachen, aber unsere Emotion sagt uns, dass langsam sein irgendwie ganz schlecht ist. Auch wenn wirklich mal zu langsam sein heute nur in den wenigsten Momenten ernsthafte Konsequenzen hat. Dennoch kann auch ich mich selbst beobachten, wie ich meine Kinder antreibe, schnell zu sein. Das fängt beim spielerischen „Wettrennen“ an (zB. „Wer kann sich unter einer Minute anziehen.“) und geht bei direkten Worten weiter - je nach persönlicher Stress-Hektik-Lage mehr oder weniger genervt.

Unterm Strich tun wir (unbewusst) viel, damit unsere Kinder mitbekommen, dass „schnell sein“ in unserer Welt wichtig ist. Und da unsere Kinder wahnsinnig gerne mit uns kooperieren und uns nachahmen, übernehmen sie das auch bereitwillig.

 

Schnell sein bringt uns auch weiter.

Wir können zum Beispiel sehr rasch Dinge er- und abarbeiten, was uns sehr produktiv und leistungsfähig macht. Damit die stressigen Seiten der Schnelligkeit nicht Überhand gewinnen, habe ich hier ein paar wertvolle Strategien, die vielleicht auch euch dabei helfen können, in hektischen Situationen ruhig zu bleiben.

1.     Wenn wir in so eine „Stress-Situation“ kommen, die uns zu Hektik einlädt, machen sich in unserem Kopf die Gedanken selbständig. Da geht es dann mit Sätzen los, wie auf einem Karussell: „Das geht sich nie aus…“, „Du musst schneller sein…“, „Du wirst bestimmt wieder zu spät kommen…“. Schwups, und ohne, dass wir es groß mitbekommen, sind wir schon mitten in der Hektik Falle. Das müssen wir aber nicht, denn unser liebes Gehirn lernfähig und umbaubar. Das funktioniert, wenn wir diese Sätze schrittweise austauschen und zwar immer wieder und sobald wir sie bemerken. Tief durchatmen (klingt total abgedroschen, hilft aber wirklich) und bewusst an Folgendes denken: „Wir haben noch genug Zeit.“ „Das wird sich sicherlich ausgehen.“ „Es passiert nichts Schlimmes, wenn wir 5 Minuten zu spät kommen.“ Mit der Zeit gelingt es dann immer besser, das aufkeimende Gefühl des „Zu-langsam-Seins“ abzufangen und tatsächlich ruhig zu bleiben.

2.     Was mir hilft ist, immer 10-15 Minuten Puffer einzuplanen. Ein Zeitpuffer, in dem man noch schnell einen Kopfstand bewundern kann, in dem man es aushält, dass Junior schon selbst den Aufzug mit dem Schlüssel holt, und warten kann, bis der Kleine sich entschieden hat, ob er an der Hand oder selbst die Stiegen raufgehen möchte. An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass der Puffer alleine oft nicht reicht. Es lohnt sich, dann noch die erste Strategie dazu anzuwenden ;-)

3.     Ich habe den Umgang mit meinen Kindern geändert. Ich habe nämlich festgestellt, dass das Wiederholen meiner Wünsche im Minutentakt, am besten noch im Vorbeigehen, nichts bringt. Das hat maximal den Effekt, dass ich ihnen das Gefühl gebe, sie seien zu langsam (ein herrlicher Nährboden für den Antreiber „sei schnell“) oder würden nicht das tun, was ich von ihnen will. In der Wirkung bedeutet das, ich zweifle entweder an der Kraft meiner Worte oder am Kooperationswillen meiner Kinder. Beides ist nicht gut. Zudem das automatische und oftmalige Wiederholen desselben bewirkt, dass die Kinder irgendwann gar nicht mehr zuhören, und dann auch das wirklich Wichtige als „elterliches Grundrauschen“ einstufen. Was ich jetzt tue: ich sage es einmal, dabei achte ich darauf präsent und persönlich zu sein, und mache dann in Ruhe meine Sachen fertig.

Einen Teil der Strategien wende ich erst seit einiger Zeit an, teilweise übe ich sie auch schon sehr lange. Einfach ist das natürlich nicht. Mein Vorschlag ist, mit der Erlaubnis zu starten, dass ihr langsam lernen dürft, eure Schnelligkeit in einen produktiven Rahmen zu lenken. Zu Beginn könnt ihr stolz auf euch sein, wenn ihr in 1-2 von 10 Situationen anders reagiert als bisher. Mit der Zeit werden es dann immer mehr und es gelingt immer öfter, besser und schneller.

Und was bringt uns das? Weniger Konflikte mit unseren Kindern und gefühlt weniger Anspannung. Und interessanter Weise ist es trotzdem möglich, so einiges in wenig Zeit unterzubringen, nur einfach mit mehr Ruhe. :-)

Barbara Widerhofer