Wut & Co. - Lasst Euren Kindern die negativen Emotionen!

Zwei lauthals streitende Kinder in der Sandkiste, wo sofort mindestens zwei Elternteile schlichtend einschreiten.

Eine Mama, die versucht ihr Kind davon zu überzeugen, dass es teilen soll, weil das andere Kind sicher traurig ist, wenn es nicht auch eines von den heißbegehrten Zuckerln haben darf.

Eine Omi, die bei einem wütenden Kind stehen bleibt und sagt „Ei, was hat er denn? Ist doch alles gut!“ und sich wundert, dass das Kind es zornig anknurrt.

Die Reaktionen der Erwachsenen in diesen Situationen sind nur zu verständlich. Schließlich wollen wir unseren Kindern beibringen, wie man mit anderen auskommt, ohne sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Wir wollen, dass unsere Kinder gut mit anderen auskommen, dass sie sich gut integrieren können. Und, dass sie Freunde finden, die sie mögen und diese Freundschaften halten.

 

Sich selbst an der Nase packen und verstehen, woherdas kommt

Doch da gibt es einen Haken: Um sich gut mit anderen zu vertragen, stark und widerstandsfähig zu sein, braucht es die ganze Palette unserer Gefühle. Positive wie negative. Je schlechter wir selbst mit „negativen“ Emotionen umgehen können, desto mehr vermeiden wir sie auch bei unseren Kindern.

Warum ist das so?

Die meisten von uns haben selbst als Kinder lernen müssen, dass man mit Schreien, Toben und Um-sich-schlagen nicht weiterkommt. Und zwar aus dem schlichten Grund, dass Wut in vielen Elternhäusern keinen Platz hatte, in Kindergarten und Schule schon gar nicht.

Leider ist vielen regelrecht abtrainiert worden, wütend zu sein. Nicht selten mit unschönen Methoden. Da wurde bestraft, gedemütigt und verglichen, bis das „schlechte Benehmen“ rausgeschliffen war. Stattdessen: Höflichkeit und Nettigkeit. Wut und Aggression, so scheint es, darf nicht sein. Es ist etwas, dass man verbirgt oder wofür man sich schämen muss.

Wer das verinnerlicht hat, kann „schlechte Luft“ und Konfrontation nicht gut aushalten. Für manche ist Gemocht-werden das höchste Ziel. Harmonie über alles!

 

Falsches Vorbild: Harmonie ist gefährlicher als Wut & Aggressionen

Das Problem bei der Sache ist, dass sich Wut nicht einfach unterdrücken oder wegrationalisieren lässt. Je mehr wir das tun, desto mehr sucht sich die Wut andere Wege. Bei Kindern kann das so weit gehen, dass extravertierte Kinder langfristig noch wütender werden und introvertierte Kinder richten die Aggression gegen sich selbst.

Wird Wut, Aggression und all die negativen Gefühle, die wir ungern in uns spüren, andauernd wegharmonisiert, geschieht folgendes:

Unsere Kinder lernen nicht „Ich bin total wütend. Und das ist okay. Weil ich okay bin.“

Es ist sehr unangenehm, wenn einem immer wieder signalisiert wird, dass man sich nicht so fühlen darf wie man sich fühlt. Und zwar nicht nur direkt ausgesprochen, sondern auch subtil, etwa durch nonverbale Signale: „Ich bin total wütend, aber meine Mama schaut so aus, als wäre das falsch. Scheinbar bin ich falsch.“

Greifen Eltern immer wieder regulierend und belehrend ein, sobald Wut im Anmarsch ist, verlieren Kinder etwas Wesentliches: ihr Gefühl für sich selbst und die Gewissheit, dass das okay ist. Das ist eine wichtige Basis für ihren Selbstwert. Außerdem beeinflusst das Wegharmonisieren ihre Fähigkeit zur Empathie. Denn: Wenn ich meinen eigenen Gefühlen schon nicht trauen kann, wie soll ich mich dann in andere einfühlen können?

Unsere Kinder lernen: „Ich darf ja nicht sagen oder zeigen, was wirklich in mir vorgeht."

Hier möchte ich einen Aspekt ansprechen, der uns in unserer Vorbildwirkung betrifft. Wir sind oft selbst nicht offen und ehrlich mit unseren Gefühlen. Unseren Kindern gegenüber nicht und anderen gegenüber auch nicht. Trotzdem wir uns ärgern, sagen wir freundlich lächelnd, dass es wirklich kein Problem sei, noch 30 Minuten länger beim Arzt zu warten, weil schnell noch ein anderer Patient vor uns reingequetscht wird. Und das, obwohl wir innerlich ziemlich wütend sind, weil wir uns jetzt die Sportstunde, auf die wir uns den ganzen Tag schon freuen, in die Haare schmieren können.

Doch es gehört zu uns und zum Leben dazu, dass die ganze Bandbreite der Emotionen immer wieder auf uns einstürmt. Das ist gut so! Es ist wichtig, die Wahrnehmung für alle Emotionen zu schulen und damit umzugehen – ohne sie zu unterdrücken.

Versteht mich bitte nicht falsch: Damit meine ich nicht, dass man pöbelnd in der Weltgeschichte rumrennen soll. Aber man soll ernstnehmen, wenn Ärger da ist und, dass er seinen Zweck hat. Alleine die Haltung: „Ich bin gerade grantig, aggressiv, frustriert – was ist da los?“ führt automatisch zum konstruktiveren Damit-Umgehen-lernen.

Unsere Kinder lernen nicht mit ihrer Wut umzugehen, und trainieren keine Möglichkeiten, sie in konstruktive Bahnen zu lenken, weil sie ja schon vornherein „abgedreht“ wird.

Wenn wir jeden Konflikt im Keim ersticken, statt ihn sich entwickeln zu lassen, verhindern wir, dass sich die Kinder mit ihren negativen Gefühlen auseinandersetzen können. Dass sie sie aushalten lernen und letztlich integrieren können.

Kinder lernen dann auch nicht die persönlichen Grenzen anderer kennen und vermissen die Erfahrung, wie andere auf diese oder jenes Verhalten von ihnen reagieren. Letztlich bekommen sie dadurch auch nicht die Möglichkeit, sich über Übung kompetent mit anderen auseinanderzusetzen.

Noch etwas Wichtiges verpassen sie: Nämlich das Erlebnis, dass Gefühle in sich ambivalent sein können, das negative Gefühle auch gleichzeitig mit positiven Gefühlen da sein können. Und dass das verwirrend, aber normal ist.

 

Vermeintlich negative Gefühle wollen uns immer was sagen!

… also hören wir zur Abwechslung mal drauf. :-)

Die heftigen negativen Emotionen kann man sich vorstellen wie kleine „ICHs“ in uns selbst. Jede einzelne Emotion ist ein kleines ICH, gehört zu uns und verfolgt einen Zweck. Nämlich den, uns dabei zu helfen, ob wir mit dem, was wir tun gut genug auf unsere Integrität und unsere Werte achten.

Gerät da was ins Ungleichgewicht, fangen sie leise - manchmal zögerlich - an, uns darauf hinzuweisen. Wenn wir sie dann überhören und gedanklich wegschieben, weil wir gelernt haben, dass wir nicht wütend sein sollten, werden sie lauter. Sie haben zudem die lästige Angewohnheit, immer heftiger zu werden und dann in Momenten aufzupoppen, in denen wir sie am wenigsten gebrauchen können. Wenn wir dem aber gleich nachgehen, kann es immer besser gelingen, Dinge zu klären und wieder in einen echten Einklang zu bringen.

Barbara Widerhofer