Störfaktor Kind – „Warum kann ich nicht einfach weiterleben wie zuvor?!“

„Mein Leben fängt an, wenn die Kinder im Bett sind!“
„Hätte ich kein Kind, könnte ich…“

Ich kenne solche Sätze gut – und habe sie schon von vielen Eltern in sehr ehrlichen Momenten gehört. Gleichzeitig machen sie mich traurig, für mich selbst und für die anderen.

Doch wie kommt es zu diesen Gedanken?

Wenn man gewohnt war, Frau der eigenen Zeit und Ziele zu sein, ist es ganz schön hart, sich umzustellen. Da kann es ganz schnell passieren, dass das Kinder haben als „Verlust von etwas Tollem“ erlebt wird.

 

Es ist Zeit zu akzeptieren, dass ein Kind alles verändert!

Auch wenn ich zutiefst verstehen kann, wie schwierig diese wohl größte Veränderung im Leben ist, muss ich jetzt mal richtig unbequem werden:

Wenn ich jetzt mal davon ausgehe, dass die Schwangerschaft kein ungewollter Unfall war, hast du irgendwann die Entscheidung gefällt, ein Kind zu bekommen. Und zwar du selbst!

Natürlich weiß keiner vorher so richtig, worauf er sich einlässt, aber dass es kein Spaziergang wird, kann man an allen Ecken hören. Trotzdem glauben viele (mich nicht ausgenommen), dass die anderen übertreiben und, dass es bei einem selbst sicherlich ganz anders wird.

Ist das Kind dann da, kommt der harte Fall auf den Boden der Tatsachen:

-          Ja, es stimmt wirklich, dass Kinder in den ersten Monaten fast alles aufsaugen von einem, weil sie so bedürftig und 24 Stunden am Tag auf uns angewiesen sind.

-          Ja, daher musst du deine Tagesabläufe wirklich größtenteils auf die Bedürfnisse deines Kindes abstimmen – und bist entsprechend geschlaucht.

-          Ja, das wird besser, aber es hört nicht auf. Denn: Kinder haben nun mal ein anderes Tempo und eine andere Art zu leben, als wir es uns in den letzten Jahrzehnten angeeignet haben. Und das ist verdammt richtig so!!!

Dazu kommt, dass es den meisten vorher nicht gerade langweilig war: Jeder hat einen gut gefüllten Tag und so ein kleiner Lebensbesitzer raubt einem so viel Zeit und Energie, die wir früher mit Dingen gefüllt haben, die uns wichtig waren … oder einfach Spaß gemacht haben.

Achtung! Jetzt kommt der wirklich unbequeme Teil: Statt ständig im Kopf zu haben, was alles (wieder) möglich wäre, wenn dein Kind nicht wäre/es eine andere Persönlichkeit hätte/pflegeleichter wäre/mehr schlafen würde, … fang an zu akzeptieren, dass DU eine Entscheidung getroffen hast, durch die sich dein Leben grundlegend und nachhaltig verändert hat.

 

Das Problem: In der Mikrosituation gefangen.

Ich weiß, dass das nicht einfach ist, mal schnell eine andere Einstellung zu bekommen aber: Akzeptierst du das nicht, wird es ein harter Kampf. Denn das Bisher geht nicht mehr.

Frauen, die das versuchen, reiben sich auf und machen sich unglücklich. Im Extremfall hängt dir die Zunge raus, du tust dir selbst leid oder kreist nur noch ums „Alles ist so schwierig!“. So lässt sich keine längerfristige Perspektive einnehmen. Man macht sich die Welt klein und verfängt sich in den kleinen Mikrosituationen des beschwerlichen Alltags.

Du schaust dann jeden Tag nur noch darauf, was alles anstrengend ist, was alles nicht mehr möglich ist, was alles nicht funktioniert. Du bewegst dich von Mühsamkeit zu Mühsamkeit, jedes Hindernis wird übermächtig und bestimmt deinen Blickwinkel.

Dann lächelt man gerne über die Sorgen anderer, denn Sie wissen ja schließlich nicht, wie das so ist mit einem Kind.

Ich kenne das gut, weil ich es selbst erlebt habe. Als mein erster Sohn sechs Monate alt war, habe ich an einem Neujahres-Coaching teilgenommen, in dem es unter anderen darum ging, die Perspektive für das kommende Jahr zu visualisieren. Ich bin in Tränen ausgebrochen, denn da war gar nichts in meinem Kopf, außer der Gedanke, dass ich mein Leben wohl nie mehr zurück bekommen werde ...

Stimmt! Ich bekomme es auch nicht mehr wieder, denn ich habe jetzt ein anderes. Kein Schlechteres. Ein Neues.

 

Du brauchst neue Prioritäten!

Mir ist sonnenklar, dass es nicht so einfach ist, seine Perspektive mit einem Fingerschnippen zu ändern. Schon gar nicht, wenn man sein Leben grad als Schlamassel wahrnimmt.

Die gute Nachricht: Es geht mit „Wahrheiten“ los, die du vermutlich schon erahnt hast:

-          Akzeptiere, dass es in den ersten Jahren karriere-technisch einfach nicht so weitergeht wie bisher, oder wenn doch, du andere Abstriche machen musst. Du kannst vieles, aber nicht alles sofort haben. So jetzt ist es raus …

-          Überleg dir, ob, was und wie du arbeiten möchtest. Manche Frauen arbeiten gerne weiter, wollen beruflich was leisten, anderen tut es gut, dass sie ganz Mama sein dürfen – und das bewusst für sich entscheiden. In meinem Fall war die Entscheidung, dass ich selbständig arbeiten will, damit ich wirklich wieder selbst bestimmen kann wann ich wieviel Energie wo hineinstecke. Das bedeutet auch, dass ich einige Themen nicht mehr mache, weil sie mich, wenn ich ehrlich zu mir bin, nie wirklich interessiert haben.

-          Setz dich mit deinen Ansprüchen und deinen inneren Stimmen auseinander, die dir ständig zuflüstern was du tun und lassen sollst. In meinem Fall habe ich beschlossen, dass das Arbeiten (und das Leben) nicht anstrengend sein muss, damit es etwas wert ist und habe mich mit meinem Perfektionismus angefreundet (im Job wie im Mutter sein).

-          Überlege dir, wie du dein Leben, deine Kinder und deinen Partner sehen willst und zwar möglichst in einem ruhigen Moment, wo es dir gut geht. Denn, wir können nicht konsequenzenlos denken: das, was wir an Gedanken und Bewertungen im Kopf haben, bestimmt unsere eigene Realität. Es geht nicht nur darum deinen Job und dein Leben zu managen, sondern darum dein (und euer!) echtes bestes Leben zu leben. Da jeder einzelne Tag ein Teil dieses Lebens ist, überleg dir gut, wie du ihn verbringst. Dann gelingt es dir bestimmt, deine Kinder nicht mehr als Belastung zu erleben, sondern endlich über weite Strecken den wahren Grund zu fühlen, warum du dich dafür entschieden hast, Kinder zu haben. Probier doch mal folgendes: Überlege dir, wie du als 80-Jährige auf dein Leben zurückblicken wirst: Welchen Stellenwert soll Familie, Beruf, und "ICH für mich" in deinem Leben gehabt haben? Das ist für jede von uns unterschiedlich! Je konkreter wir uns damit auseinandersetzen, was uns selbst wichtig ist, desto mehr gelingt es, die Prioritäten neu zu ordnen.

Kinder stören manchmal. Kinder nerven auch mal. Und als Mutter, erst recht als berufstätige, hat man wirklich mehr als genug zu tun. Doch wenn man sein Kind über weite Teile nur noch als Belastung wahrnimmt, ist es höchste Zeit für eine neue Perspektive. Wenn nötig auch mit Unterstützung, wenn es aus eigener Kraft momentan nicht und nicht gelingen will.

Barbara Widerhofer