Liebe kinderlose Erwachsene, die ihr immer einen guten Rat auf den Lippen habt …

wir müssen mal ein Hühnchen miteinander rupfen. Teilzeitkinderkenner machen gerne darauf aufmerksam, was Eltern schon wieder „falsch“ machen – und wenn sie nicht gerade den ultimativen Verhaltenstipp haben, kommt zumindest ein missbilligender Blick oder ein Augenrollen. Das macht mich, ehrlich gesagt, wahnsinnig. Und es ist außerdem nicht fair. Denn auch wenn Ihr es vielleicht nicht glauben könnt:

 

Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob es die eigenen Kinder sind oder nicht.

Der beste Beweis sind die zahlreichen Eltern, die mir immer wieder erzählen: „Bevor ich selbst Kinder hatte, hab ich das auch nicht geglaubt …“. Doch was genau macht den Unterschied?

Die Kinder, auf dir Ihr hin und wieder mal aufpasst, habt Ihr nicht ständig, vor allem nicht euer Leben lang. Ihr gebt sie irgendwann wieder zurück und habt dann eure wohlverdiente RUHE. Und ja, natürlich können wir Eltern unsere Kinder hin und wieder abgeben, die Krux ist allerdings: Selbst wenn wir unsere Kinder physisch nicht bei uns haben, denken wir über sie nach. Und noch etwas: Wenn Ihr auf fremde Kinder aufpasst, tut Ihr das in der Regel zu 100 %. Was ich gut verstehen kann, denn Kinder betreuen ist wirklich ein Fulltime-Job. Diesen Luxus haben wir leider nur sehr selten. Die meiste Zeit haben wir neben unseren Kindern den ganz normalen Alltag zu managen: Unser Leben, unseren Beruf – und die Logistik, die bei einer Familie mit mehreren Personen ganz anders aussieht.

Das bringt mich noch zu einem weiteren extrem wichtigen Punkt: Die meisten von uns sind nicht völlig unbeschadet durch ihre eigene Kindheit spaziert.  Entsprechend haben wir auch zahlreiche Erwartungen, Wünsche, Ängste und Hoffnungen in Bezug auf die Entwicklung unserer Kinder. Und die müssen wir in Schach halten UND sie mit denen Bedürfnissen unserer Kinder und den Erwartungen von außen in Einklang bringen! Klingt kompliziert? - Ist es auch! Besonders dann, wenn man bei den eigenen Kindern unbedingt einen Schaden wiedergutmachen will, den man vielleicht selbst als Kind erlebt hat.

Dann gibt es noch die Erfahrung: „Bei mir sind die Kinder nicht so, wenn ich auf sie aufpasse!“  Ihr müsst jetzt sehr stark sein: Das liegt nicht an euren besseren Erziehungsmethoden, sondern fremde Kinder verhalten sich bei anderen Erwachsenen anders, als bei den eigenen Eltern. Nämlich in der Regel braver, da sie mit unkooperativem Verhalten deutlich mehr riskieren.

Und glaubt mir, kein anderes Kind kann so gut auf die Schwachstellen der Eltern abzielen, wie das eigene! Besonders dorthin, wo es richtig wehtut und wo man selbst noch keine Lösung hat. Nur die eigenen Kinder haben das Talent, Emotionen hervorzuholen (positive wie negative), die man bislang an sich selbst nicht kannte – da kann man sich nicht so schnell innerlich distanzieren wie bei fremden Kindern.

 

Wenn Ihr also das nächste Mal einen Kommentar auf den Lippen habt – verkneift ihn euch und fühlt euch mal in die komplette Situation ein!

Denn: Wer von außen draufschaut, kennt nie die ganze Situation, weiß nicht, was vorher war, was sonst gerade los ist – und wie es innendrin in uns und unseren Kindern ausschaut.

-        Kritische Kommentare von außen (und Blicke!) stressen uns Eltern. Selbst wenn wir sehr selbstbewusst sind, gehen sie nicht spurlos an uns vorbei!

-        Wir sind dann nicht mehr bei uns und dem, was UNS wichtig ist für unsere Kinder – denn wir müssen ja jetzt auch noch fremde Erwartungen erfüllen. Oder dagegen ankämpfen es nicht zu tun. In beiden Fällen kostet es Energie. Wir können dann die wichtigen Kleinigkeiten nicht mehr wahrnehmen, damit weniger auf unsere Kinder eingehen und die Situation schlechter lösen.

-        Vor allem die negativen Reaktionen unserer Kinder auszuhalten, kostet viel Kraft, da können wir einfach nicht noch Energie für eure Erwartungen erübrigen.

 

Auch wenns nicht neu ist: Elternsein ist anspruchsvoll!

Es gibt kein Patentrezept. Kinder haben eigene Persönlichkeiten – einen eigenen Willen, eigene Ideen, ein eignes Temperament… Nicht alles ist Produkt unserer Erziehung! Für euch sieht das vielleicht manches Mal nicht so aus, aber: Als Elternteil will man oft souveräner, besser, anders reagieren, und ist doch nicht immer dazu in der Lage – mal abgesehen davon, dass jede Situation eine eigene Dynamik entwickelt. Erst recht wenn böse Blicke von andern dazukommen.

Wenn also das nächste Mal die Missbilligung oder der Besserwisser in euch hochsteigt, dann bitte:

-        Macht euch kurz bewusst, dass hier gerade nur ein Ausschnitt sichtbar ist und das Beurteilen der ganzen Situation nicht machbar ist. Dass Kinder eben auch ihre Entwicklungsphasen haben, wo Widerstand, Kräftemessen und das Ausreizen von Grenzen dazu gehören, wo das Kind lernt, und Erziehen dadurch manchmal ganz schon mühsam und manchmal lauter abgeht.

-        Ich wünsche mir von euch ein bisschen mehr Demut vor dem, was wir Eltern so bewältigen. Die meisten von euch ahnen das sehr wohl, wenn sie hauchen „bin ich froh, dass …“ – Bitte respektiert, dass Elternsein manchmal verdammt hart ist und seid großzügig, auch wenn ihr glaubt wir Eltern machen einen Fehler.

Ich weiß, dass das nicht einfach ist, denn obwohl ich selber Kinder habe, kenne ich diese besserwisserischen Gedanken und muss mich liebevoll daran erinnern, dass ich es von außen nicht beurteilen kann.

Wenn ihr also WIRKLICH helfen wollt: Schenkt uns ein aufmunterndes Lächeln, das signalisiert: Ich weiß, es ist manchmal hart! Das kann tatsächlich für Entspannung sorgen – und macht für uns alle so viel leichter.

 

Barbara Widerhofer