„Lass mal, ich mach das schon…“ – Überverantwortung bringt keine Lorbeeren, sondern nur verdammt viel Mühe

Überverantwortung begegnet mir als Thema in meiner Arbeit immer wieder. Was ich damit meine, sind Mütter, die wahnsinnig viel um die Ohren haben, und dabei fast untergehen, und gar nicht merken, dass sie sich davon ziemlich viel „selbst aufhalsen“. Oder anders gesagt (achtung, jetzt wird’s hart): Mütter, die sich überverantwortlich fühlen, und gut gemeint ständig die Finger überall drin haben und gleichzeitig am Ende sind, weil ihnen alles zu viel ist.

 

Richtig gehört: NICHT die anderen halsen dir alles auf, sondern DU raffst alles an dich!

Überverantwortung äußert sich einerseits ganz offensichtlich. Zum Beispiel

  • immer für alles gewappnet sein wollen und daher für alle Eventualitäten packen
  • für die anderen an alles denken oder sogar anderen etwas hinterhertragen
  • Dinge übernehmen, die die Kinder eigentlich schon selbst können
  • keine Unterstützungsangebote annehmen
  • Unterstützungsangebote nur halbherzig annehmen – der Klassiker: mit schlechtem Gewissen rasch einkaufen gehen, wenn das Angebot besteht, dass auch mehr als eine Stunde auf das Kind aufgepasst wird.
  • schon bei den geringsten Schwierigkeiten dazu eilen und einspringen
  • bei der „Übergabe“ der Kinder an andere Bezugspersonen gefühlte 100 Instruktionen mitgeben

Überverantwortung kann aber auch versteckt daherkommen und betrifft dann oft emotionale Themen, wie zum Beispiel

  • bei Geschwister-Streitereien immer schlichtend zur Stelle sein
  • generell bei Konflikten rasch für Harmonie und Lösung sorgen wollen, sogar wenn es nicht die eigenen sind
  • Verantwortung für den Ärger übernehmen, den Kinder oder Ehepartner aus Kindergarten, Schule oder Arbeit mitbringen

Ertappt? Glaube ich gerne. Kenn ich selbst gut ;-)

Überverantwortlich handeln bringt aber ganz schön viele Nachteile für einen selbst:

Die eigenen Prioritäten aus den Augen verlieren:
Nicht nur, dass es einfach viel zu viel wird und man vor lauter Aufgaben und Verantwortlichkeiten, nicht mehr dazu kommt, was einem SELBST wichtig ist – man weiß vor lauter „in Gedanken bei den anderen sein“, oft nicht einmal mehr, WAS das eigentlich ist, was man wichtig findet.

In die Fremdbestimmung rutschen:
Man hat das Gefühl ständig etwas tun oder etwas lösen zu müssen und steckt in einer Dauergeschäftigkeit. Die ist vor allem deshalb ein großer Stressfaktor, weil sie nichts mehr mit Eigenbestimmung zu tun hat, sondern die Vorgaben nur noch von außen zu kommen scheinen.

Sich wertlos fühlen:
Und da man für an sich geraffte Verantwortung selten Dank bekommt, erlebst man „Mama sein“ langfristig als einen äußerst undankbaren Job. Und das führt dann dazu, sich wertlos zu fühlen. Kein angenehmes Gefühl, sondern eines, das ganz schön wütend und traurig macht.

Und ich lege noch einen drauf: Das Wegschnappen von Verantwortung schadet nicht nur dir selbst, sondern auch deinem Umfeld!

Und zwar auf zwei Arten:

1. Der Handlungs- und Entwicklungsspielraum der anderen wird ganz schön eingeschränkt:
Und damit meine ich auch die Möglichkeit zu scheitern, zu lernen und besser zu werden. Und das führt entweder zu ständigen Konflikten mit denen, die sich ihre Eigenverantwortung nicht so gerne abknöpfen lassen, oder die Eigenverantwortung wird komplett abgegeben.
Sichtbar wird das dann zum Beispiel in Kindern, die sich mit 5 Jahren immer noch von der Mama anziehen lassen, obwohl sie das schon lange selbst können.
Oder in Vätern, die sich nicht voll engagieren, weil sie merken, dass sie es ohnehin nicht richtig machen können, ihr eigener Zugang scheinbar ganz falsch ist und die Mama das meiste sowieso viel besser kann.
Neben dem Umstand, dass die Mama dann auch für das meiste verantwortlich ist, hat das auch eine schlimme Konsequenz für die eigenen Kinder. Drastisch ausgedrückt, kann sich der Vater als Person dann auch nicht voll zeigen, die Kinder können ihn nicht richtig kennenlernen und haben in weiterer Folge eine weniger tiefe Beziehung zu ihm.

2. Die Menschen im eigenen direkten Umfeld fühlen sich weniger wertvoll:
Um beim oben genannten Beispiel zu bleiben: für den Vater (oder auch für andere Menschen im direkten Umfeld) entsteht der Eindruck, er kann nichts beitragen, auch nicht, wenn er gerne würde. Und das wiederum führt dazu, dass er sich weniger wertvoll für seine Partnerin und seine Familie fühlt. Und selbst wenn er das nicht offen ausspricht oder zeigt, macht es ihn ebenso wütend, frustriert und traurig wie dich.

So, das war jetzt sicher nicht leicht. Und falls du jetzt schon anfängst ein schlechtes Gewissen aufzubauen: geh bitte nicht sofort hart mit dir ins Gericht, denn ich weiß aus eigener Erfahrungen, dass IMMER gut gemeinte Absichten dahinterliegen. Und hinter denen liegen in den meisten Fällen Sorgen und Befürchtungen, wie zum Beispiel

  • Die Sorge, eine schlechte Mutter, Hausfrau oder Partnerin zu sein, die aus überzogenen Vorstellungen darüber resultiert, wie man diese Rollen ausfüllen muss.
  • Die Befürchtung, andere mit den eigenen Bedürfnissen und Wünschen zu „belästigen“. Schließlich haben viele gelernt, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Da sind dann auch noch diffuse Ängste „nicht gemocht“ zu werden mit dabei.
  • Die Sorge, in einem Bereich nicht ausreichend gegeben zu haben, die zu schlechtem Gewissen führt und dazu in anderen Bereichen mehr Verantwortung zu nehmen, als man sollte.
  • Die Befürchtung, die Kinder könnten Schaden nehmen. Hier stecken oft „Schäden“ dahinter, die man in der eigenen Kindheit erlitten hat und noch mit sich trägt und die sich JA nicht wiederholen sollen. Kurz gesagt: man versucht das innere Kind zu beruhigen.
  • Die Sorge, die Kinder könnten es schwer haben im Leben, wenn sie dies oder jenes nicht haben/können/lernen/tun.

Diese Hintergründe haben alle eins gemeinsam:  sie sind bei tiefer und gründlicher Betrachtung im hier und jetzt meistens NICHT real und gehören nicht uns. Das bedeutet, wir haben sie irgendwann mal von jemandem anderen übernommen, oft schon in der eigenen Kindheit.

Hier die gute Nachricht: Das heißt wir können uns davon befreien. Es ist möglich die Überverantwortung loszulassen und es ist eine Trainingssache.

 

Hör ab sofort auf damit, die Verantwortung anderer zu übernehmen - du wirst sehen es lohnt sich!

Die Verantwortung bei den anderen zu lassen, wird mal schlechter und mal besser funktionieren, wichtig ist, dran zu bleiben. Denn wenn es gelingt, hat das große Vorteile für dich:

Du hast dann nämlich auf einmal mehr Zeit und Energie für Dinge, die dir wichtig sind. Du kannst dich selbst besser spüren, und darauf hören, was du brauchst und das dann auch entspannter einfordern. Vielleicht hat dann auch dein Partner oder andere liebe Personen in deinem Umfeld mehr Lust sich einzubringen und Verantwortung für Dinge zu übernehmen, die sonst immer in deinem Bereich gelegen sind.

Du könntest wirklich positiv überrascht werden:

  • Es könnte plötzlich so sein, dass du nicht mehr alleine verantwortlich bist, wenn die Kinder krank werden, sondern dass es eine gemeinsame Verantwortung wird.
  • Oder es wäre so, dass vorwiegend dein Partner den Einkauf macht, weil du eh nicht so viel schleppen willst.
  • Es könnte dir überhaupt passieren, dass oft besprochen wird, wie man bestimmte Aufgaben aufteilt, statt dass sie automatisch bei dir landen.
  • Es könnte passieren, dass deine Kinder ihre Streitereien unter sich lösen und nur zum Trösten zu dir kommen, oder wenn sie wirklich keine Lösung finden.
  • Es könnte dir passieren, dass du überhaupt deutlich weniger in Streitigkeiten anderer hineingezogen wirst.
  • Es könnte sein, dass sich deine Kinder am Abend selbstständig fürs Bett fertigmachen, weil sie das schon können.
  • Es könnte dir passieren, dass du auf einmal wieder Zeit für ein altes liebgewonnenes Hobby findest.
  • Es könnte dir passieren, dass du wieder öfters am Abend eine Freundin triffst.

Oder es könnte dir – so wie mir neulich – passieren, dass der Papa die Kinder schnappt, um übers Wochenende alleine mit ihnen wegzufahren. Damit du mal Ruhe hast, um zu arbeiten und all das zu tun, was du sonst noch wichtig findest. :-)

Wenn du dir jetzt denkst "Das klingt echt verlockend!", aber keine Ahnung hast, wie du das schaffen kannst, ruf mich an, ich kann dir helfen!

 

 

Barbara Widerhofer