So oft predige ich, dass du aktiv Entscheidungen für dein Leben triffst. Jetzt bin ich selbst ins Schleudern gekommen …

In den vergangenen Jahren habe ich intensiv daran gearbeitet, mein Leben so umzugestalten, dass es ehrlich und wahrhaftig zu mir passt. Das durchzuziehen, war keine leichte Angelegenheit. Nicht immer war es angenehm. Neulich dachte ich, ich hab es endlich geschafft, und schon ist mir etwas passiert, was ich nicht wollte: Ich hab zwar eine Entscheidung getroffen, mich aber hinter einem Vorwand versteckt. Anstatt meine eigentlichen Gründe zu nennen, nämlich neue Schwerpunkte in meinem Business zu setzen, habe ich die Gesundheit vorgeschoben.

Das war zwar nicht gelogen, wenn ich aber richtig ehrlich mit mir selbst bin, nicht der wahre Grund. Es hat sich einfach so günstig angeboten, war akzeptabler, schien mir einfacher und ging schneller … Und ehrlich gestanden, hatte ich die echte Entscheidung noch nicht zu 100 % getroffen. Einerseits weil ich mir nichts verbauen wollte und andererseits, weil ich dafür etwas tun musste, was nicht zu meinem alten ICH gepasst hat, nämlich Zusagen rückgängig machen. Ich fand mich ungewohnt unzuverlässig.

 

ABER: Entscheidungen nicht bewusst und aktiv zu treffen, und sie dann auch nicht klar und ehrlich zu kommunizieren, zieht IMMER einen Rattenschwanz an Unannehmlichkeiten hinter sich her

Denn das „Verstecken“ der wahren Begründung, sieht nur auf den ersten Blick einfacher aus. Auf den zweiten Blick ist es der Anfang von Selbstsabotage und macht es nur noch schwieriger:

(1)    Es führt in eine Rechtfertigungsspirale.
Statt glasklar vor Augen zu haben, wozu ich meine Entscheidung treffe und es dementsprechend zu artikulieren, habe ich eine Ausrede vor mir herschoben. So wurde ich in meiner Entscheidung immer unsicherer. Wenn ich unsicher bin, tendiere ich dazu, mich zu erklären und zu rechtfertigen, damit es stimmig klingt. Ich nehme Dinge ein bisschen zurück, beschwichtige ein wenig, um anschließend wieder im Sinne meiner Entscheidung zu rechtfertigen. Ganz genau so geraten wir in eine Spirale an Rechtfertigung und schwammigen Unklarheiten, die auch nach dem Aussprechen der Entscheidung haften bleiben.

(2)    Es raubt Energie auf mehreren Ebenen.
Durch das Vorschieben meiner Gesundheit sah es so aus, als hätte ich rein aus gesundheitlichen Gründen zurückgerudert. Damit war es allerdings keine Entscheidung FÜR meine neue Sache, sondern ein reines Aufgeben der alten Sache, „der Gesundheit zu Liebe“. Das war aber überhaupt nicht so gedacht! Der Hauptgrund war, dass ich alles auf die neue Karte setzen wollte. Die Gesundheit hat mich nur nochmals daran erinnert. Durch meine vorgeschobene Argumentation, fühlte sich das faul an, so als wäre ich nicht zu mir gestanden. Nicht zu meiner neuen Sache – und das nimmt ihr gleich zu Beginn wichtige Energie.
Außerdem führt eine faule Entscheidung dazu, dass immer noch Ressourcen in der "alten Welt" gebunden sind, mental und faktisch: Bei mir ging es ganz konkret darum, eine Tür zuzumachen – und die Courage hatte ich noch nicht. Also habe ich sie sicherheitshalber einen Spalt breit offen gelassen. Solche Schlupflöcher fühlen sich manchmal gut an, weil es eben einen Weg zurück gibt, aber sorgen eben auch dafür, dass wir immer einen Bein im Alten behalten. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Noch gemeiner: Da das Neue oft verunsichert, retten wir uns dann durch einen Sprung zurück.

(3)    Die befreiende Wirkung geht verloren.
Wie eben deutlich geworden ist, hat so eine Entscheidung zwei Seiten: Man entscheidet sich gegen etwas, und damit FÜR etwas anderes. In meinem Fall für neue Schwerpunkte im Business. Das Loslassen des Alten schafft Platz fürs Neue – wenn es eine wirklich innere Entscheidung ist, merkt man die Entlastung und den Rückenwind: Jetzt ist entschieden! Jetzt geht’s nach vorne! Wer aber nach außen mit Ausreden argumentiert, beraubt sich dieses wunderschönen Gefühls. Die befreiende Wirkung der Entscheidung geht verloren, sie wird im Innen nicht spürbar. Stattdessen:

(4)    Es fühlt sich unsicher und falsch an.
Da kann die Entscheidung noch so gut sein - wenn man sie nicht offen und ehrlich ausspricht, fühlt sie sich nachher falsch an, eben weil man sie nicht ehrlich begründet hat. Und zwar nicht nur nach außen, sondern es klingt dann auch in den eigenen Ohren „wie aus falschen Gründen“ getroffen. Das schürt immer wieder Selbstzweifel („Tue ich das Richtige?“, „Darf ich das?“, „Soll ich vielleicht doch lieber?“) und führt im Extremfall zum Revidieren der wichtigen Entscheidung.

(5)    Die Außenwelt erkennt nicht, was „gilt“.
Letztendlich muss auch für die anderen klar sein, worum es geht und woran sie sind. Nicht nur aus einem Fairness-Aspekt heraus, sondern auch aus „Selbstschutz“. Wenn den anderen nicht klar ist, worum es mir wirklich geht, kommen sie immer wieder mit alten Themen, gegen die ich mich immer wieder aufs Neue abgrenzen muss. Damit wird der Entscheidungszeitraum nur unnötig verlängert. Denn eines ist klar: Wenn andere nicht mitziehen oder scheinbar nicht akzeptieren können, dass sich etwas ändern soll, liegt das erstaunlich oft daran, dass dem Umfeld gar nicht klar ist, worum es überhaupt geht.

 

Trau dich! – Auch wenn du noch nicht weißt, ob du mit deinem neuen ICH klarkommst.

Bewusste und vielleicht mal unbequeme Entscheidungen zu treffen, die gegen bisher festverankerte innere Werte gehen, ist also auch für Expertinnen manchmal nicht einfach. Doch das ist kein Grund, an sich zu zweifeln oder aufzugeben!

Denn oft ist es so: je größer die Angst, desto mehr lohnt es sich.

Ich habe für mich festgemacht, dass ich dazu manchmal in Kauf nehmen muss, Türen zuzumachen, durch die ich bequem und wie selbstverständlich durchgegangen bin, um durch neue Durchgänge zu wandern. Das bringt mit sich, dass sich das Selbstverständnis verändert. Mitunter, ohne zu wissen, wie das neue ICH sein wird, wie man selbst damit klarkommt und ob es andere mögen werden.

Was mir dabei hilft:
Mir das WOZU vor Augen zu führen, möglichst detailreich und genau. Und mir dann vorzustellen, wie es sich anfühlt, wenn ich die Entscheidung schon getroffen hätte, wenn ich es mir erlaubt hätte, mich für mich zu entscheiden.
Und mich bewusst von den Urteilen der anderen frei zu machen, indem ich mich vor allem erinnere: Ich will das Beste aus meinem Leben machen. Für mich! - Die anderen leben schließlich nicht mein Leben.

Wenn du also mit kleinen oder großen Entscheidungen haderst, wünsche ich dir Mut! Mut dich selbst zu zeigen und zu dir und deinem Leben zu stehen. Immer wieder, auch wenn die Knie manchmal zittern. Wenn es ein-, zwei-, dreimal nicht geklappt hat, macht nichts! Probiers einfach wieder.

Zu sich stehen und herausfinden, was einem wichtig ist und das dann ohne umzufallen an andere zu kommunizieren, ist ein Prozess und zwar ein verdammt lohnender! 😊

 

 

Barbara Widerhofer